Kommentare/Presse

Im Schuppen ein Mann

Die Erzählungen von Susanne Neuffer könnte man auch als Mikro-Romane bezeichnen: Im sparsamen Kurzgeschichtengewand enthalten ihre Miniaturen die Motivfülle und psychologische Raffinesse eines guten Romans. Was besonders angenehm auffällt: Neuffers Sprache ist voller funkelnder Formulierungen, klug und humorvoll ausgefeilt. Zu dieser ausgereiften, klingenden Sprache kommt ihre sehr reizvolle weil elegante Was-wäre-wenn-Phantastik: Die Realität wird durch ein Wort oder einen Nebensatz aus dem Gleis gestoßen. Neuffers Texte werden so zu einem Krimi, einer psychologischen Studie, einem Nachdenken über den Zustand der Welt und das stets mit einer guten Portion Humor. Neuffer thematisiert klug und lesernah den Verlust einer verlässlichen Wirklichkeitswahrnehmung – und lässt ihre Prosa einen unwiderstehlichen Sog entfalten.

Florian L. Arnold, Autor, Leiter »Literaturwoche Donau«

Susanne Neuffers Geschichten begeistern, denn sie sind ganz im Hier und Jetzt, ganz heutig und das völlig ungezwungen. Doch das ist nur die eine Erzählschicht. Darunter lauert immer eine surreale Ebene, etwas Gedankliches oder Traumartiges, das langsam aber sicher durchbricht, ein Kleid zerbröseln oder einen Schuppen verschwinden lässt. Das macht die Geschichten so gut, immer lauert etwas darunter, das genau so real da ist wie der Gang zum Friseur. Ahnungen, Vermutungen, verborgene Theorien und Szenarien, die alle mitspielen und alles bereichern. Vor allem auch mit Humor anreichern, wenn eben diese verschiedenen Wahrnehmungsebenen sich kreuzen. Das ist sehr fein, oft hochkomisch, aktuell und zeitlos zugleich. Unbedingt lesen!

Edith Ehrhardt, Direktion Theaterei Herrlingen

Laudatio Erostepost Literaturpreis 2017

Wie man dem Mythos „Wahrheit“ auf die Schliche kommt, davon und noch mehr erzählt Susanne Neuffer in ihrem Sieger-Text „Chor der Engel“. Zwei befreundete Paare, Hildegard und Cord, Vincent und die Ich-Erzählerin, treffen sich beim „Libanesen“. Man zerlegt ein Hühnchen und inszeniert sich der eigenen Größe wegen. Sätze werden zu blühenden Gebinden aus Annahme und Verweis, Realität und Fiktion – mit einer Verve vorgetragen, als gehe es um alles. Geht es auch, nämlich um uns selbst. Der Winter in Montreal: „Nasskalte Schneeschauer, unbarmherziges Eis unter den Reifen und Füßen“ – oder doch ein Weihnachtsmärchen? „Es gibt ein Recht am eigenen Text“, so die Ich-Erzählerin. „Wer lügt, muss genau sein und ungenau zugleich.“ Liegt die Deutungshoheit beim Publikum, sprich bei Freunden? „Dann erzähle ich meine aufgerüschten RAF-Geschichten, die kleinen Anekdoten aus den Hinterzimmern einer kleinen deutschen Revolution. Es stimmt ja auch einiges daran, zum Beispiel, dass die Terroristin XY eine Nachbarin war – wobei ich kürzlich die Namen durcheinander gebracht habe, die war ja schon tot, und das war auch in einer anderen WG.“ Erinnerung umkreist fortwährend unsere Abwesenheit. Zwischen Fassbarem und Unfassbarem spürt Neuffer dem vermeintlich Autobiographischen nach, einem Ego, dem es gilt, gerecht zu werden. Mit subtilem Hintergrundwitz kommentiert sie als Ich-Erzählerin das Geschehen, legt ihren Finger in die Wunden kleiner Begierden, rettet Hildegard Schmitthenner schließlich vor Vincent, einem unangenehmen Frager, der immer alles genau wissen will, er ist einer, der ihre wundersame Chor-Geschichte in Montreal, vor allem des Sängers Satz: „Special thanks to wonderful Hildegard“, so nicht hinnehmen mag … Bestechend leicht und tiefsinnig zugleich lotet die Autorin die Un-Tiefen scheinbar gesetzmäßig verlaufender Abende aus. Wir fühlen uns ertappt. Etwas, was fehlt, wird doppelt bedeutsam.

Margarita Fuchs, erostepost Nr. 54, Juni 2017

Meine Helden wollen nie nach Süden

Erstaunlich unbemerkt von einem größeren Publikum schreibt die Hamburger Schriftstellerin Susanne Neuffer seit vielen Jahren wunderbare Geschichten. Auch an Literaturpreisen ist kein Mangel. Es ist höchste Zeit, sie kennenzulernen.
-> weiter lesen auf taz.de

Frank Keil, taz Hamburg, 28.02.2017

Scheidungsurkunden hat man gerne verfügbar

In zweiundzwanzig kleinen Geschichten – zwei davon preisgekrönt – erkundet Susanne Neuffer, Jahrgang 1951, die Sehnsüchte von Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, Männer und Frauen im besten Alter, wie man sie früher einmal genannt hätte.
-> weiter lesen auf buecher.de

Sabine Doering, Frankfurter Allgemeine Zeitung, August 2016, und auf buecher.de

„Freunde reden Tacheles“ Radio freeFM Ulm

Wo sieht man sie noch, die Erzählungen? In Literaturzeitschriften zum Teil, aber: wo sieht man Literaturzeitschriften? In Bibliotheken, geisteswissenschaftlichen Fakultäten, zum Teil in den wie Biotope anmutenden literarischen Buchhandlungen, die sie aber wohl meist auch nicht verkaufen (und wenn, dann in kleinsten Stückzahlen). Zurück zu den kaum noch sichtbaren Erzählungen; die findet man selten noch in – selten zu findenden – Anthologien oder eben in Erzählbänden einzelner AutorInnen. Reflexartig zählt man dann in der Regel diejenigen auf, die stellvertretend für diese völlig unterrepräsentierte Gattung stehen (könnten): Peter Stamm (zuletzt auch eher durch Romane aufgefallen, war früher nicht so), Judith Hermann (die gerade mit „Lettipark“ in den Medien ist und auch auf Verkaufslisten vorkommt), Ingo Schulze (lang lang ist’s her), eventuell noch Ralf Rothmann. Dann ist erst einmal Schluss (mein persönliches Brainstorming-Ergebnis), der Blick richtet sich ins Ausland, Lucia Berlins Erzählungen „Was ich sonst noch verpasst habe“ wurden von der ZEIT gerade zur Entdeckung des Jahres hochgeschrieben, Suhrkamp bringt im Sommer/Herbst mit dem Amerikaner Callan Wink einen neuen Hoffnungsträger („Der letzte beste Ort“). Die ebenfalls von der Romanschwemme weggefegte Lyrik hat es da fast schon wieder besser, weil man an sie sowieso gar nicht mehr denkt; wenn dann aber Jan Wagner mit seinen „Regentonnenvariationen“ den Preis der Leipziger Buchmesse erhält und mit Marcel Beyer ein auch als Lyriker berühmter Autor gar den Büchner-Preis bekommt, dann ist diese literarische Form plötzlich überraschend präsent. Vielleicht sollte ja Monika Grütters, unsere Kulturstaatsministerin, nicht nur die Buchhandlungen mit Preisen bedenken, sondern jedem Landkreis oder jeder Stadt einen Betrag zur Verleihung von Lyrik- und Erzählpreisen zur Verfügung stellen, damit das Thema flächendeckend bekannter wird.

Warum diese Gedanken, diese lange Vorrede? Nun, ich habe es wieder einmal getan, habe wieder einmal Erzählungen gelesen (vor 14 Tagen erst habe ich hier Georgi Gospodinovs Buch besprochen), die mich derart beglückt und entzückt haben, dass ich mich gefragt habe: warum ist deren Verbreitung so schwierig (oder ist es so, dass es nur wenige Menschen gibt, denen die leckeren Islay-Whiskeys schmecken und die gar nicht verstehen können, warum viele Menschen damit gar nichts anfangen können? Und möglicherweise ist es so auch mit der kurzen Erzählform…?). „In diesem Jahr der letzte Gast“ ist das beim Maro Verlag in Augsburg erschienene Buch von Susanne Neuffer betitelt. „Schnee von Teheran“ heißt ihr bislang einziger Roman, der 2014 ebenfalls bei Maro erschienen ist und von mir an dieser Stelle vorgestellt wurde. Was ich vor zwei Jahren gesagt habe, stimmt noch immer und trifft auch auf die neuen Erzählungen zu. Susanne Neuffer hat einen ganz und gar eigenen Humor, einen minimal sarkastisch wirkenden Ton, der immer feiner, immer besser wird, und sie hat die Fähigkeit, ganz unterschiedliche Lebensumfelder zu gestalten, in Biografien und Berufsfelder zu schlüpfen – und daraus macht sie gar nicht kunstvoll wirkende und deshalb umso mehr zu bewundernde Texte, die reich sind, die lachen lassen, schmunzeln allemal. Ich bin ja gar kein Eselsohrenleser, aber in dieses Buch habe ich drei Knicke gemacht, einfach weil ich mir die Stellen merken wollte, die mir besonders gut gefallen haben, wäre schade gewesen, sie später nicht mehr zu finden – auch eine Qualität, finde ich. „Auf Elias Vondergatt!“ heißt eine der 22 Erzählungen. Dass ich sie herausgreife, bedeutet nicht, dass sie die Beste ist; an ihr kann ich gut schildern, was Susanne Neuffers Schreibmerkmale sind, woran ich ihre erzählerische Klasse festmachen kann. Es geht darin um eine Frau, die als „gesamtgesellschaftlich überflüssige Orientalistin“ keine Arbeit hat, weswegen sie in einer Großküche Salat schnippelt. In ihrer Freizeit spaziert sie viel herum, erkundet ihre Umgebung. Allerdings macht sie das nicht in einer „praktischen Jacke“, sondern in einer Aufmachung, als würde sie zu einem Vortrag der Turkologischen Fakultät gehen. Auf einem dieser Spaziergänge gerät sie in eine Gesellschaft, die gleich einem Vortrag über den in gewissen Kreisen offenbar verehrten Wissenschaftler Elias Vondergatt lauschen wird. Unerschrocken greift sie sogar in die sich anschließende Diskussion ein, fast ein wenig hochstaplerisch, bevor sie sich am Büffet ein paar Häppchen und eine Flasche für den Heimweg abgreift. Wow! wie originell, wie frisch! Noch nie gelesen, so etwas. Die Beobachtungen und Beschreibungen von Personen, Kleidung, Interieurs sind so zugespitzt, knapp und doch treffend. Die berufliche und gesellschaftliche Situation der Protagonistin macht einen großen Diskussionsraum beim Leser auf, allein die Autorin hält sich damit nicht auf, sie deutet an, muss weiter im Text. Gleich die Titelgeschichte „In diesem Jahr der letzte Gast“ nimmt den Leser für diesen Stil ein, lässt einen grinsen und staunen über so viel – man nennt es wohl – Erzählökonomie.

Die kleine Form hat hier einen großen Auftritt! Der sogar noch verdelt wird durch die wunderbaren Illustrationen Yvonne Kuschels. Hier nun wäre es wieder Zeit für eine Unterstützung oder Gratifikation eventuell seitens Frau Grütters, da ich mir dieses Buch anders gestaltet wünsche: es sollte kein Paperback, sondern ein Hardcover sein und die Malereien sollten nicht in schwarz-weiß, sondern in Farbe abgedruckt sein – die Umschlagbilder lassen erahnen, welchen Mehrwert und Mehrgenuss man damit hätte.

Martin Gaiser in „Freunde reden Tacheles“, Radio freeFM Ulm, August 2016

Stadtgespräch

Eigentlich liebe ich Kurzgeschichten nicht. Ich bin eher der Typ, der dicke Romane liest – wozu selbstverständlich eigentlich die Zeit fehlt, außer im Urlaub. Kurzgeschichten sind ja immer schon vorbei, bevor sie richtig angefangen haben.
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Andrears Stork in Stadtgespräch, Juli 2016

Clarissa Lempp – Aviva Berlin

In Susanne Neuffers Erzählungen treffen die Sehnsüchte und Ängste ihrer ProtagonistInnen auf eine scheinbar surreale Wirklichkeit. Leise, klug und witzig erzählt die Autorin vom skurrilen Leben.
-> weiter lesen auf aviva.de

www.aviva-berlin.de, Juli 2009

Bürgerliche Abenteuer

Susanne Neuffers Gedichte suchen nicht den hohen Dursgrünbeinton, und das verkaufsfördernde Etikett „Pop“ lassen sie sich schon gar nicht aufkleben. Neuffer begibt sich mit ihren Texten stattdessen auf eine spannende Expedition in den bürgerlichen Alltag.
-> weiter lesen auf amazon.de

Niklas Feldtkamp aus der Amazon.de-Redaktion

Laudatio zum Walter-Serner-Preis 2007

“Zu den Dingen, die man Frauen nicht erzählen sollte, gehört, dass man die Nationalhymne zum Einschlafen braucht.”
Dieser Satz allein hat einen Preis verdient, womit wir bei unserer Gewinnerin wären, Susanne Neuffer aus Hamburg, und dem Glück, dass ihre Geschichte so weitergeht, wie der klug-naive Ton es verspricht, der an die Großstadtliteratur der zwanziger Jahre erinnert und doch ganz anders ist. Mit einem Erzähler, der immer mehr in Fahrt kommt, und der am Ende den Eindruck von etwas Überschäumendem und Vergnüglichem hinterlässt.

[…]

Susanne Neuffer sieht sich gern ihre Zeitgenossen an, vor allem ihre Anstrengung, sich wacker durchs Leben zu schlagen, und so zauberhaft es ist, bei einem solchen Wettbewerb ein sozusagen unbeschriebenes Blatt zu entdecken, so erfreulich ist es denn auch zu sehen: es gibt noch mehr von der betreffenden Person zu lesen. So in ihrem Erzählungsband “Frau Welt setzt einen Hut auf” und in ihrem Gedichtband “Männer in Sils-Maria”. Beide Bücher sind im Maro-Verlag erschienen, der – man glaubt es kaum – auch Christian Schads Erinnerungen an seinen Freund Walter Serner herausgebracht hat. So stellt sich der Zusammenhang her und fügt sich aufs beste, ganz ohne Metaphysik. Susanne Neuffer hält es wie die Kollegen, die einen richtigen Beruf hatten und schrieben, so wie Tschechow oder William Carlos Williams, die sie beide schätzt.
Sie führt in ihrer Geschichte vom Kopiergerätereparierer das Klischee “einsam am Tag und schlaflos in der Nacht” nicht in eine Heroik der Einsamkeit, wie die Moderne sie durchaus liebte, sondern sie kurbelt sie weiter zur Erkenntnis, dass der Mensch, der arbeitet oder schlaflos von den anderen arbeitenden oder schlaflosen Menschen hört und spricht, nicht allein ist. Nicht der einzige und nicht bedeutungslos, auch wenn das zu denken und zu leben anstrengend ist, vor allem, weil wir keine Kopien sein wollen. Das wäre sonst nämlich das nächste Klischee, das der Großstadt und ihrer Anonymität. Doch diese Annahme unterwandert unser Held mit seiner ungewöhnlichen Neugier und auf besonders gewitzte Weise.

Auszug aus der Laudatio von Tanja Langer zum Walter-Serner-Preis 2007

Laudatio zum 2. Preis im Bettina von Arnim-Wettbewerb 1999

Beim Lesen läuft im Kopf ein melancholisch-absurder Film ab: Da steht eine modern Jeanne d’Arc im schwarzen Kampfanzug vor den Bewohnern eines Altersheims und will sie mit der Lesung romantischer Texte unterhalten. Karl, der das Cello dazu spielt, sieht aus wie ein abtrünniger Priester oder wie Nosferatu.

[…]

Die klare Sprache, ein stringenter Aufbau, einsicheres stilistisches Gespür und eine hinreißen lebenswahre Protagonistin machen diese Geschichte zu einem kleinen Meisterwerk. Die raffinierte Doppelbödigkeit des Titels kann erst am Schluss richtig gedeutet werden und weist überzeugend nach, wie Eichendorff zum Programm für die Erzählerin und vielleicht auch für den aufgescheuchten Leser werden könnte.

Ingrid Noll, Laudatio zum 2. Preis im Bettina von Arnim-Wettbewerb 1999