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Radio freeFM, Ulm
Sendung „Freunde reden Tacheles“
Redakteur: Martin Gaiser
Sendedatum: 19.8.2016

Wo sieht man sie noch, die Erzählungen? In Literaturzeitschriften zum Teil, aber: wo sieht man Literaturzeitschriften? In Bibliotheken, geisteswissenschaftlichen Fakultäten, zum Teil in den wie Biotope anmutenden literarischen Buchhandlungen, die sie aber wohl meist auch nicht verkaufen (und wenn, dann in kleinsten Stückzahlen). Zurück zu den kaum noch sichtbaren Erzählungen; die findet man selten noch in - selten zu findenden – Anthologien oder eben in Erzählbänden einzelner AutorInnen. Reflexartig zählt man dann in der Regel diejenigen auf, die stellvertretend für diese völlig unterrepräsentierte Gattung stehen (könnten): Peter Stamm (zuletzt auch eher durch Romane aufgefallen, war früher nicht so), Judith Hermann (die gerade mit „Lettipark“ in den Medien ist und auch auf Verkaufslisten vorkommt), Ingo Schulze (lang lang ist's her), eventuell noch Ralf Rothmann. Dann ist erst einmal Schluss (mein persönliches Brainstorming-Ergebnis), der Blick richtet sich ins Ausland, Lucia Berlins Erzählungen „Was ich sonst noch verpasst habe“ wurden von der ZEIT gerade zur Entdeckung des Jahres hochgeschrieben, Suhrkamp bringt im Sommer/Herbst mit dem Amerikaner Callan Wink einen neuen Hoffnungsträger („Der letzte beste Ort“). Die ebenfalls von der Romanschwemme weggefegte Lyrik hat es da fast schon wieder besser, weil man an sie sowieso gar nicht mehr denkt; wenn dann aber Jan Wagner mit seinen „Regentonnenvariationen“ den Preis der Leipziger Buchmesse erhält und mit Marcel Beyer ein auch als Lyriker berühmter Autor gar den Büchner-Preis bekommt, dann ist diese literarische Form plötzlich überraschend präsent. Vielleicht sollte ja Monika Grütters, unsere Kulturstaatsministerin, nicht nur die Buchhandlungen mit Preisen bedenken, sondern jedem Landkreis oder jeder Stadt einen Betrag zur Verleihung von Lyrik- und Erzählpreisen zur Verfügung stellen, damit das Thema flächendeckend bekannter wird.

Warum diese Gedanken, diese lange Vorrede? Nun, ich habe es wieder einmal getan, habe wieder einmal Erzählungen gelesen (vor 14 Tagen erst habe ich hier Georgi Gospodinovs Buch besprochen), die mich derart beglückt und entzückt haben, dass ich mich gefragt habe: warum ist deren Verbreitung so schwierig (oder ist es so, dass es nur wenige Menschen gibt, denen die leckeren Islay-Whiskeys schmecken und die gar nicht verstehen können, warum viele Menschen damit gar nichts anfangen können? Und möglicherweise ist es so auch mit der kurzen Erzählform...?). „In diesem Jahr der letzte Gast“ ist das beim Maro Verlag in Augsburg erschienene Buch von Susanne Neuffer betitelt. „Schnee von Teheran“ heißt ihr bislang einziger Roman, der 2014 ebenfalls bei Maro erschienen ist und von mir an dieser Stelle vorgestellt wurde. Was ich vor zwei Jahren gesagt habe, stimmt noch immer und trifft auch auf die neuen Erzählungen zu. Susanne Neuffer hat einen ganz und gar eigenen Humor, einen minimal sarkastisch wirkenden Ton, der immer feiner, immer besser wird, und sie hat die Fähigkeit, ganz unterschiedliche Lebensumfelder zu gestalten, in Biografien und Berufsfelder zu schlüpfen – und daraus macht sie gar nicht kunstvoll wirkende und deshalb umso mehr zu bewundernde Texte, die reich sind, die lachen lassen, schmunzeln allemal. Ich bin ja gar kein Eselsohrenleser, aber in dieses Buch habe ich drei Knicke gemacht, einfach weil ich mir die Stellen merken wollte, die mir besonders gut gefallen haben, wäre schade gewesen, sie später nicht mehr zu finden – auch eine Qualität, finde ich. „Auf Elias Vondergatt!“ heißt eine der 22 Erzählungen. Dass ich sie herausgreife, bedeutet nicht, dass sie die Beste ist; an ihr kann ich gut schildern, was Susanne Neuffers Schreibmerkmale sind, woran ich ihre erzählerische Klasse festmachen kann. Es geht darin um eine Frau, die als „gesamtgesellschaftlich überflüssige Orientalistin“ keine Arbeit hat, weswegen sie in einer Großküche Salat schnippelt. In ihrer Freizeit spaziert sie viel herum, erkundet ihre Umgebung. Allerdings macht sie das nicht in einer „praktischen Jacke“, sondern in einer Aufmachung, als würde sie zu einem Vortrag der Turkologischen Fakultät gehen. Auf einem dieser Spaziergänge gerät sie in eine Gesellschaft, die gleich einem Vortrag über den in gewissen Kreisen offenbar verehrten Wissenschaftler Elias Vondergatt lauschen wird. Unerschrocken greift sie sogar in die sich anschließende Diskussion ein, fast ein wenig hochstaplerisch, bevor sie sich am Büffet ein paar Häppchen und eine Flasche für den Heimweg abgreift. Wow! wie originell, wie frisch! Noch nie gelesen, so etwas. Die Beobachtungen und Beschreibungen von Personen, Kleidung, Interieurs sind so zugespitzt, knapp und doch treffend. Die berufliche und gesellschaftliche Situation der Protagonistin macht einen großen Diskussionsraum beim Leser auf, allein die Autorin hält sich damit nicht auf, sie deutet an, muss weiter im Text. Gleich die Titelgeschichte „In diesem Jahr der letzte Gast“ nimmt den Leser für diesen Stil ein, lässt einen grinsen und staunen über so viel – man nennt es wohl – Erzählökonomie.

Die kleine Form hat hier einen großen Auftritt! Der sogar noch verdelt wird durch die wunderbaren Illustrationen Yvonne Kuschels. Hier nun wäre es wieder Zeit für eine Unterstützung oder Gratifikation eventuell seitens Frau Grütters, da ich mir dieses Buch anders gestaltet wünsche: es sollte kein Paperback, sondern ein Hardcover sein und die Malereien sollten nicht in schwarz-weiß, sondern in Farbe abgedruckt sein – die Umschlagbilder lassen erahnen, welchen Mehrwert und Mehrgenuss man damit hätte.


Susanne Neuffer: In diesem Jahr der letzte Gast, Erzählungen; Maro Verlag, Augsburg, 2016; 162 Seiten; € 18.-